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sehenswertes
Auch 50 Jahre nach seiner Vorstellung ist die Faszination des Mercedes-Benz
300 SL noch ungebrochen. Zu Recht trägt er den Titel einer „Automobilen
Legende“, eines echten Mercedes Oldtimer. Seine aufschwingenden Flügeltüren
wurden zum Synonym für die Mischung aus Anmut und Dynamik. 1954 präsentierte
Mercedes-Benz den 300 SL in New York der Öffentlichkeit. Die Resonanz war
überwältigend, die Nachfrage enorm. Doch nur 1400 Coupes und 1858 Roadster
wurden von der rollenden Skulptur gefertigt. Bis heute begeistert er die
Autoliebhaber.
Der Begriff „Legende“ wird heute gerne und allzu oft für Automobile zitiert, um
deren edle Abstammung zu belegen und so das Image des Mercedes Oldtimer zu
polieren. Wirkliche Legenden indes sind ganz anderer Natur: echte Charaktere mit
Ecken und Kanten, die auf ihre Weise die Automobile Welt geprägt haben. Typen in
die wir uns verlieben, da sie einen Sonderstatus jenseits der üblichen
Bewertungskriterien besitzen. Modelle mit Charisma; eigenwillig, verspielt,
vielleicht unvernünftig, mit einer unverwechselbaren Formensprache. Sie verewigt
diese Automobilen Skulpturen unauslöschlich in unseren Köpfen.
Automobile wie der Flügeltürer, der 300 SL von Mercedes der wohl beliebteste
Mercedes Oldtimer.
Der Flügeltürer entspricht in perfekter Weise dem Typus „Legende“. Sein
Alltagsname ist nicht gleich dem Geburtsnamen. Die Karosserie war niemals
wirklich praktisch, aber immer außergewöhnlich anzuschauen. Und die Technik war
1954 in vielen Details wegweisend. Entscheidend für seine Kraft und
Ausdrucksstärke, die ihn zur weltweiten Sportwagen-Ikone kürte, ist jedoch
eindeutig die unverwechselbare Form mit den charakteristischen Flügeltüren.
1951: Der Krieg lag fünf Jahre zurück, die Währungsreform zwei. In dem zu 80%
zerstörten Stammwerk Untertürkheim hatte man zunächst damit begonnen, kleine
Wege frei zu räumen. Ein ehemaliger Ingenieur und erfolgreicher
Monte-Carlo-Sieger bekannte später freimütig, seinen Südfrüchtehandel nur
deshalb ins Leben gerufen zu haben, weil er davon ausging das in Untertürkheim
nie mehr Autos gebaut werden würden, den keiner dachte daran, das bald einer der
weltweit beliebtesten
Mercedes
Oldtimer vom Band laufen würde
Mit Reparaturen an Fahrzeugen der Besatzungsmacht und einer bescheidenen
Produktion des Vorkriegstyps 170 beginnt das Werk aus der Agonie zu erwachen.
1947 wurden 381 Personenwagen gebaut. Man bekommt sie, ohne Reifen, gegen Bezug-
und Eisenscheine. Europa beginnt sich in West und Ost zu auf zu spalten. An
Automobilrennen denken zu dieser Zeit nur wenige. Einer davon sitzt im Stammwerk
der Daimler-Benz AG. Alfred Neubauer, Stratege unzähliger Rennschlachten,
Dompteur der Silberpfeile, träumt von vergangenen Zeiten und hofft auf die
neuen. In Deutschland geht es in Sachen Motorsport 1950 bescheiden los.
Bergrennen in Freiburg, Rundstrecke am Nürburgring und Solitude, national
versteht sich. International beherrschen Alfa Romeo und Ferrari die Rennpisten.
Hier reifte der Plan zu einem der bekanntesten
Mercedes Oldtimer.
Als Generaldirektor Dr. Haspel Neubauer grünes Licht gibt, legt Alfred Neubauer
los. Der Große Preis von Argentinien unter der Schirmherrschaft von Präsident
Peron und seiner bezaubernden Frau Evita ist das Ziel. In kürzester Zeit sind
aus vier Vorkriegsrennwagen des Typs W 194 durch die Mercedes Tuner, zwei ganz
neue Dreiliter-Kompressor-Rennwagen aufgebaut. Erste Probefahrt am Nürburgring
mit dem Team Rudolf Carraciola, Hermann Lang und Karl klingt verlaufen nach
Anfangsschwierigkeiten erfolgreich. Noch drei Monate bis Argentinien und zur
Rückkehr der Silberpfeile. Nur einer winkt auf einmal ab. Caratsch, wie ihn die
Fans und Freunde nennen, möchte diese legendären Wagen, die unzählige Siege
errungen haben, nicht in einem so fragwürdigen Unterfangen verheizen, er lehnt
seine Teilnahme ab. Neubauer mit dem untrüglichen Gespür für Talent hat schon
einen Fahrer ausgemacht, dem er gerne den Kompressor-Mercedes anvertrauen würde.
Sechs Siege in Europa bei ebenso vielen Starts und dazu auch noch
Vizeweltmeister hinter Dr. Farina auf Alfa Romeo. Der in der kleinen
argentinischen Provinzsstadt geborene Juan Manuel Fangio ist zu diesem Zeitpunkt
mit 38 Jahren alles andere als ein junges Nachwuchstalent, hat schon einen
echten Namen bei den
Mercedes Tuner. In Argentinien hat er eine kleine Werkstatt betrieben
und war wilde Langstreckenrennen mit alten Fords und Chevrolets gefahren, bevor
er 1949 nach Europa geht und dort die „Scuderia Argentina Varzi“ gründet.
Neubauer fliegt nach Argentinien, um dort zu seiner großen Enttäuschung zu
Erfahren, das Alfa Romeo Fangio in diesem Rennen einsetzen will. Nach seiner
Rückkehr fährt er sofort nach Paris und verhandelt mit dem ersten Weltmeister
der neuen Formel 1. Dr. Farina stimmt dem Engagement zu, und Neubauer kehrt
zufrieden nach Stuttgart zurück.
Doch Alfa Romeo verzichtet aus Kostengründen auf die weite Reise und nun steht
Fangio ohne Wagen da. Man bittet Neubauer zu einem erneuten Besuch und
tatsächlich kommt es zu einer Vertragsunterzeichnung für beide Rennen in
Argentinien, die im Wochenabstand veranstaltet werden. Nun scheint alles bestens
zu laufen, einzig Farina, der aber noch keinen Vertrag in Händen hält, ist
erbost. Mit 10000 Mark Schmerzensgeld gibt er sich zufrieden. Neubauer bringt
seine berühmt-berüchtigte „Expedition“ auf den Weg und ist hinsichtlich des
Rennausgangs voller Zuversicht. Doch es kommt anders, beim Mercedes Tuning, als
geplant.
Beim Großen Preis von Buenos Aires sieht Gonzales auf Ferrari, Herman Lang und
Fangio laufen auf den Plätzen zwei und drei ein. Bei dem am nächsten Wochenende
stattfindenden Grand Prix Evita Peron ist es wieder Gonzales, der auf seinem
Ferrari die Mercedes, trotz besten Mercedes Tuning, hinter sich lässt. Diesmal
sind es Karl Kling und Hermann Lang, die mit den Ehrenplätzen vorlieb nehmen
müssen. Fangio scheidet mit einem kapitalen Motorschaden aus, und auch die
beiden Angekommenen klagen über nachlassende Motorleistung während des
Rennverlaufs.
Noch vor Ort beginnen die
Mercedes Tuner die Motoren zu zerlegen und Ursachenforschung zu
betreiben. Dabei stellt sich heraus, das feiner Zementstaub von den Vergasern
angesaugt worden war und die Gemischbildung in Richtung Fett veränderte. Benzin
gelangte noch Flüssig in den Brennraum und dadurch kam es zur Verdünnung des
Schmierfilms in den Zylindern, was ein Nachlassen der Leistung bis hin zum
Motorschaden zur Folge hatte. Der Staub stammte von den neuen Schikanen, die auf
besonderen Wunsch Fangios gebaut worden waren, zu einem Zeitpunkt, als er noch
glaubte, mit einem Alfa Romeo zu fahren. Damit hoffte er, die höhere
Spitzengeschwindigkeit der Mercedes-Benz-Rennwagen entschärfen zu können. Sein
Kalkül war aufgegangen, wenn auch mit einem anderen als von ihm anfänglich
erwarteten Ergebnis.
Langsam dämmerte es Neubauer, dass Altmeister Rudolf Carraciola, vierfacher
Europameister und erfolgreichster Mercedes-Fahrer überhaupt, den richtigen
Riecher gehabt hatte. Der W 154/M168, überragender Rennwagen seiner Epoche,
hatte seinen Platz im Museum verdient. Eine neue Zeit brauchte neue Rennwagen.
Neubauer erinnerte sich: Hatte man nicht auch Ende der Zwanziger Jahre den
Einstig in den Grand-Prix-Sport über den Sportwagen langsam und gezielt
vorbereitet? Damals waren es die S-Modelle gewesen. Der S, der SS, der SSK und
der legendäre SSKL, mit dem Caracciola 1931 die Mille Miglia gewann und damit
erstmals als Ausländer Gesamtsieger dieses berühmten Rennens wurde; der im
gleichen Jahr beim großen Preis von Deutschland trotz 1600kg Gewicht die
leichteren Wagen von Alfa Romeo und Bugatti mit Chiron, Varzi und Nuvolari am
Steuer nieder rang. War das nicht die besondere Leistung der
Mercedes Tuner?
Was einmal funktioniert hatte, musste doch auch ein zweites Mal klappen! Und
tatsächlich – fast laufen die Ereignisse ähnlich ab, wie schon in der
Vorkriegszeit. Da die neue Rennformel 750ccm mit Kompressor oder 2500ccm für
Sauger, erst 1954 in Kraft treten soll, ist guter Rat teuer. Man entschließt
sich, aus einem schon vorhandenen Serienwagen, möglichst unter Beibehaltung
vieler Teile, einen Sportwagen zu konzipieren. Mit Gitterohrrahmen und deshalb
sehr leicht, weshalb Karl Kling vorschlägt ihn „super legero“ zu nennen. Eine
einmalige, und grandiose Idee der Mercedes Tuner.
Mythos: „Person, Sache, Begebenheit die legendären Charakter hat“ - So definiert
der Duden den griechischen begriff, der im Laufe der vergangenen Jahre und
Jahrzehnte eine inflationäre Entwicklung über sich ergehen lassen musste – und
lächeln wir nicht etwas zynisch wenn uns wieder einmal ein Mensch, ein Objekt,
eine Idee als Mythos angedient wird? So ist der Mythos zu einem Über
strapazierten und dehnbaren Begriff mutiert, der natürlich auch über das
Automobil gestülpt wurde, um eine stetig steigende Vielfalt an Modellen mit
seiner wert steigernden Gegenwart zu adeln. Und dennoch verbirgt sich hinter dem
Begriff Mythos auch eine Realität, der wir hin und wieder ins Auge schauen
dürfen – und dies gilt natürlich ebenfalls für einige jener Fahrzeuge, die die
Herren Daimler und Benz im Jahre 1886 in eine damals noch mehr als vage Freiheit
entließen. Aber es ist hier nicht der richtige Ort, über eine Liste der Modelle
zu diskutieren, denen der Begriff Mythos zu recht zusteht – zu unterschiedlich
sind die Geschmäcker, zu reichhaltig die Argumente. Aber ein Modell wird auch
allen nur denkbaren Listen stets vertreten sein: der 300 SL. Eber der Mercedes
Oldtimer.
Egal ob als Flügeltürer, als Papillion , als Gullwing oder schwäbisch nüchtern
als W198-Coupe – der 300 SL geriet den Stuttgartern zum Geniestreich, der
Eleganz, Aggressivität, Sportlichkeit und Siege auf den härtesten Rennstrecken
der Welt verschmolz. Und dass der W198 dazu noch seinen Aufgaben im normalen
Verkehrsalltag mit höchster Präzision bewältigte, hob ihn endgültig aus der
Reihe der damals durchaus existenten Rivalen heraus. Nie hätten es sich die
Väter dieses Wagens verziehen, wenn ihr schönste und schnellstes Kind zu
kapriziös geraten wäre – diese, bei Frauen durchaus liebenswerte Eigenschaft
überließ man bei Daimler gerne den etwas temperamentvolleren Kollegen jenseits
der Alpen. Aus Untertürkheim gab es jedenfalls – was die Alltagstauglichkeit
betraf, keinen Unterschied zwischen einem 180 D- und einem 300 SL-Modell; da
stand schon die schwäbische Ehre davor. Wer wird diesem besonderen Mercedes
Oldtimer jemals der rang ablaufen?
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